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Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann

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Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann

The Reason I Jump

UK 2020

FSK: ab 6 Jahren

Länge: ca. 79 Min.

Vertrieb: LEONINE

Filmzine-Review vom 18.05.2022

In seinem Buch „The Reason I Jump“ erklärt der gerade 15-jährige Naoki Higashida, wie er als nonverbaler Autist die Welt erlebt. Während beispielsweise Nicht-Autisten beim ersten Regentropfen wissen, dass es regnet, muss er das Gefühl der Nässe, das prasselnde Geräusch, Form und Aussehen der Regentropfen und vielleicht auch einen bestimmten Geruch mit bereits erlebten Regenschauern verknüpfen, um daraus zu schlussfolgern, dass es regnet. Wenn er einen Gegenstand sieht, nimmt er zunächst alle Einzelheiten wahr und setzt daraus das große Ganze zusammen, während ein nicht-autistisches Gehirn eher zuerst den Gegenstand als solchen erfasst und erst später Details erkennt.

Die auf diesem Sachbuch basierende Dokumentation Warum ich euch nicht in die Augen schauen kann (so auch der deutsche Buchtitel) führt uns zu nonverbalen Autisten auf vier Kontinenten. In Indien verarbeitet Amrit ihre Erlebnisse aus Schule und Alltag in ausdrucksstarken Zeichnungen. Während des Malens steht sie offenbar unter starker Anspannung, als könne sie es kaum abwarten, endlich alles zu Papier bringen zu können, was sie so dringend mitteilen möchte. Der Brite Joss ist vom flirrenden Geräusch der Stromkästen fasziniert – er hört sie meist schon, bevor seine Eltern sie überhaupt sehen. Im westafrikanischen Sierra Leone wird Jestina in der Öffentlichkeit nicht nur angestarrt, ihr schlägt mitunter blanker Hass entgegen, weil man sie und andere geistig beeinträchtigte Menschen für vom Teufel besessen hält. Emma und Ben aus dem US-Bundesstaat Virginia kennen sich schon seit ihrer Kindheit und sind Freunde fürs Leben geworden. Sie buchstabieren mithilfe einer Buchstabentafel und können so mit ihren Familien, ihrer Lehrerin und natürlich miteinander kommunizieren. Dabei kommentieren sie ihre Ticks und Angewohnheiten durchaus selbstironisch, doch sie wollen auch gehört werden. So buchstabiert Ben gegen Ende des Films den eindrücklichen Satz: „We can change the conversation about autism by being part of the conversation“. Eingestreut in diese Geschichten werden immer wieder Buchzitate, die das Gezeigte zusammenhalten sollen. Die teils plakativen, teils poetischen Sätze werden durch nicht minder poetische Bilder von weiten Feldern mit wehenden Gräsern, grünen Wäldern mit raschelnden Blättern und offenen Landschaften mit surrenden Hochspannungsmasten ergänzt. Ob es diesen Rahmen nun unbedingt gebraucht hätte, sei dahingestellt. Vielmehr hätte man in den einzelnen Beiträgen mehr in die Tiefe gehen können, denn die Herausforderungen der Eltern bleiben nur vage angedeutet und ihre schwammigen Statements tragen für Nichtbetroffene wenig zum besseren Verständnis bei.

Wer das Thema vertiefen möchte, dem sei an dieser Stelle noch die beeindruckende Doku Der Pferdejunge ans Herz gelegt.

 

DVD Extras:

    • Trailer zu 4 weiteren Titeln
    • Wendecover

 

Ninas Filmwertung

Bewegende Porträts von fünf nonverbalen Autisten auf vier Kontinenten, die gern mehr in die Tiefe hätten gehen können.

Nina

Nina

Synchronisationsverweigerin. Steht auf Klassiker und hat eine Schwäche für Hitchcock, James Stewart und Cary Grant. Bevorzugt Independent-Kino und visuell aus dem Rahmen fallende Filme à la Tim Burton oder Wes Anderson.

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