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Am Kölnberg

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Am Kölnberg

D 2014

FSK: ab 12 Jahren

Länge: ca. 85 Min.

Studio: Academy of Media Arts Cologne

Vertrieb: good!movies

Filmzine-Review vom 18.01.2016

In den 70er Jahren entstand im Kölner Stadtteil Meschenich, vor den Toren der Domstadt, die Hochhaussiedlung Am Kölnberg. Inmitten von Kohl- und Rübenfeldern ragt wie aus dem Nichts der bis zu 26-stöckige Komplex empor, in dem über 4000 Menschen aus 60 Nationen in 1300 Wohnungen leben. Wie viele Trabantenstädte dieser Epoche entwickelte sich auch der Kölnberg schnell zum Problemviertel. Wer auf der sozialen Leiter ganz nach unten purzelt, findet hier Unterschlupf. Für 299 Euro warm sind die kleinsten Wohneinheiten zu haben, ein Viertel der Bewohner empfängt Sozialhilfe.

Die beiden Filmstudenten Laurentia Genske und Robin Humboldt haben vier Bewohner zwei Jahre lang begleitet. So lernen wir beispielsweise Sabine kennen – die von ihrer Heroinsucht schwer gezeichnete junge Frau hat zwar keine eigene Wohnung, aber sie schlägt sich tagtäglich am Kölnberg durch, pennt mal bei diesen mal bei jenen Freunden, mal im Treppenhaus. Sie bezeichnet sich selbst als „Junkie-Hure“, als „allerunterste Stufe“. Dabei schloss sie ihre Lehre einst mit Sehr Gut ab, ist offensichtlich künstlerisch begabt, schreibt Gedichte, ist philosophisch interessiert. Der Kölnberg sei ein Universum für sich, erklärt sie, jede Wohnung ein eigener Planet mit eigenen Bewohnern. Bei der im Komplex untergebrachten Tafel hilft Karl-Heinz bei der Lebensmittelausgabe. Mit seinen beiden Katzen, die er über alles liebt, lebt er in einer 1-Zimmer-Wohnung. Seine Alkoholkrankheit macht ihm inzwischen schwer zu schaffen, seine Hände zittern permanent, er bekommt Schwindelanfälle, doch allein schafft er den Absprung nicht. Schweren Herzens lässt er schließlich den Kölnberg hinter sich und weist sich selbst in eine Entzugsanstalt ein. Nana und Martha sind dick befreundet. Nana, eine verarmte Baronin, ist neu am Kölnberg, scheut den Kontakt zur Außenwelt, hat Angst draußen angepöbelt zu werden. Doch sie kann dem Ausblick vom Balkon auch etwas Schönes abgewinnen, fühlt sich an ihre Kindheit in Schlesien erinnert. Martha und ihre drei Hündchen scheinen im Kölnberg voll in ihrem Element zu sein, die rüstige Rentnerin mit Knastvergangenheit kommt mit den Nachbarn gut klar, kennt Gott und die Welt – und hat für ihre Freundin Nana immer ein offenes Ohr und einen guten Rat – nachdem sie ihr tägliches Serienprogramm („erst guck ich Baywatch, dann das A-Team und dann MacGyver„) absolviert hat.

Seit ihrer Premiere ist die Dokumentation nach wie vor fester Programmbestandteil in einem kleinen Kölner Kino – unter den Besuchern sind auch viele Mitarbeiter der Polizei und des Ordnungsamtes, die sonst niemals so nah an die Menschen des Kölnbergs herankämen. Es ist dem Einfühlungsvermögen und der Objektivität des Regisseurenduos zu verdanken, dass Am Kölnberg kein oberflächlicher „Poverty Porn“ geworden ist, sondern ein ehrliches Portrait ohne gestellte Situationen, das seine Protagonisten mit Respekt behandelt und ihnen ihre Würde lässt. Bei all der materiellen Armut, die einem entgegenschlägt, vermittelt der Film ein Gefühl von Hoffnung; die Menschen haben Träume, Ideen, Wünsche – und sie haben Freundschaften. Und wie heißt es doch so schön am Ende von Ist das Leben nicht schön: „Ain’t no man a failure who has friends“.

 

Ninas Filmwertung

Ebenso intime wie diskrete Sozialstudie über den wohl berüchtigtsten sozialen Brennpunkt Kölns.

Nina

Nina

Synchronisationsverweigerin. Steht auf Klassiker und hat eine Schwäche für Hitchcock, James Stewart und Cary Grant. Bevorzugt Independent-Kino und visuell aus dem Rahmen fallende Filme à la Tim Burton oder Wes Anderson.

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Leserwertung

Eure Leserwertung:
[Gesamt: 4   Durchschnitt:  4.3/5]

Trailer

Cast & Crew

Diese DVD/Blu-ray wurde uns vom Vertrieb good!movies kostenlos zu Rezensionszwecken zur Verfügung gestellt. Unsere Bewertung ist davon jedoch nicht beeinflusst und gibt die unabhängige, persönliche Meinung des jeweiligen Rezensenten wieder.
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